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Aufrecht stehen, ruhig sprechen: Ein Fall aus der Körperausrichtung

Der Weg einer Teilnehmerin namens Nadine, die vor großem Publikum stets angespannt wirkte, und was sich durch die Arbeit an Stand, Haltung und Atemraum Schritt für Schritt veränderte.

Jonas Brandt · · 5 Min. Lesezeit

Aufrecht stehen, ruhig sprechen: Ein Fall aus der Körperausrichtung

Ein Anruf im Frühherbst

Nadine meldete sich bei uns, kurz bevor die Vortragssaison der Branchenkonferenzen begann. Sie leitet in einem mittelständischen Unternehmen die Entwicklungsabteilung und sollte im Spätherbst erstmals eine Eröffnungsrede vor mehreren hundert Zuhörern halten. Inhaltlich war sie sicher. Was sie beschäftigte, war etwas anderes: Sie hatte auf Aufnahmen gesehen, wie sie bei Vorträgen die Schultern hochzog, das Gewicht auf ein Bein verlagerte und den Kopf leicht nach vorn schob.

Sie beschrieb es am Telefon so, dass ihre Stimme am Ende langer Passagen dünn werde und sie sich danach im Nacken wie nach einem Sprint fühle. Ich habe ihr zugehört und vorgeschlagen, dass wir uns zuerst im Studio treffen, ohne Manuskript und ohne Folien. Ich wollte sehen, wie sie steht, bevor sie überhaupt etwas sagt.

Dieses Vorgehen ist bei uns üblich. Die Körperausrichtung beginnt nicht mit Übungen, sondern mit Beobachtung. Erst wenn klar ist, woher die Anspannung kommt, lässt sich sinnvoll entscheiden, woran gearbeitet wird.

Was wir im ersten Termin sahen

Im Studio bat ich Nadine, einfach zu stehen und ein paar Sätze aus ihrer geplanten Rede zu sprechen. Schon nach wenigen Sekunden war das Muster erkennbar. Die Knie waren durchgedrückt, das Becken leicht nach vorn geschoben, der Brustkorb gehoben und dadurch starr. Wer so steht, hat zwar den Eindruck, Haltung zu zeigen, verliert aber genau den Raum, den die Atmung zum Arbeiten braucht.

Wir ließen sie dann die Füße etwa hüftbreit setzen und das Gewicht langsam zwischen Ferse und Vorfuß pendeln, bis sie den Punkt fand, an dem der Stand ohne Muskelkraft trägt. Das klingt unspektakulär. Für Nadine war es ungewohnt, weil sie Stabilität bisher immer mit Festhalten verbunden hatte.

Auffällig war, dass ihre Stimme schon bei dieser einfachen Veränderung weicher wurde. Sie sagte selbst, es fühle sich an, als würde jemand ein Fenster öffnen. Das war ein guter Moment, um zu erklären, warum wir Haltung, Stand und Atemraum gemeinsam betrachten.

  • Füße etwa hüftbreit, Knie nicht durchgedrückt
  • Gewicht gleichmäßig über beide Füße verteilt
  • Brustkorb nicht angehoben, sondern ruhig getragen

Die Arbeit an Stand und Atemraum

In den folgenden Sitzungen blieben wir bewusst bei wenigen Dingen. Nadine übte, den Scheitel sanft nach oben zu denken, ohne das Kinn zu heben, und die Schultern fallen zu lassen, statt sie nach hinten zu ziehen. Ich zeigte ihr, wie sich die Rippen bei ruhiger Einatmung seitlich und nach hinten weiten, wenn der Oberkörper nicht verkrampft ist.

Ein Schwerpunkt lag auf dem Übergang zwischen Stehen und Bewegen. Viele Vortragende sind im Stand ruhig und verlieren die Ausrichtung, sobald sie einen Schritt gehen. Wir übten kurze Wege über die Bühnenfläche des Studios und achteten darauf, dass das Gehen aus dem Becken kommt und der Oberkörper ruhig bleibt.

Zwischen den Terminen bekam Nadine zwei kleine Aufgaben für den Alltag: im Stehen am Kopierer oder in der Warteschlange die Fußstellung prüfen, und vor jedem Gespräch einmal bewusst ausatmen. Solche Anker sind wichtiger als lange Übungsprogramme, weil sie sich ohne Aufwand in den Tag fügen.

Wo es zwischendurch hakte

Es lief nicht geradlinig. In der dritten Woche meldete Nadine, dass sie sich bei einer Teamsitzung wieder im alten Muster ertappt habe, mit hochgezogenen Schultern und flacher Atmung. Sie war enttäuscht, als wäre der Fortschritt verloren gegangen. Ich habe ihr erklärt, dass Gewohnheiten des Körpers nicht verschwinden, sondern von neuen überlagert werden, und dass das Bemerken selbst schon der Fortschritt ist.

Hilfreich war, dass wir daraufhin die Situationen sammelten, in denen die Anspannung zurückkehrt. Es waren fast immer dieselben: Zeitdruck, ein skeptischer Blick aus dem Publikum, das Gefühl, etwas beweisen zu müssen. Für jede dieser Situationen legten wir einen kurzen körperlichen Handgriff fest, etwa den Stand kurz neu zu ordnen oder die Hände einen Moment locker hängen zu lassen.

Diese Vorbereitung auf den Rückfall gehört für mich zur Körperausrichtung dazu. Sie verhindert, dass ein einzelner schwieriger Auftritt das Vertrauen in die Arbeit zerstört.

Der Probelauf vor dem großen Tag

Eine Woche vor der Konferenz luden wir zwei Kolleginnen von Nadine ins Studio ein, damit sie die Eröffnung vor einem kleinen Publikum sprechen konnte. Wir hatten den Raum so gestellt, dass sie die Distanz zum hinteren Ende realistisch spürte. Sie begann mit einem Moment des Stehens, bevor sie das erste Wort sagte, und ich sah, wie sich ihr Atem senkte.

Nach dem Durchlauf besprachen wir, was sie selbst bemerkt hatte. Sie sagte, der Nacken sei ruhig geblieben und die Stimme habe bis zum Schluss getragen. Die Kolleginnen bestätigten, dass sie präsenter und zugleich gelassener gewirkt habe als früher. Mir war wichtig, dass diese Einschätzung von ihr kam und nicht von mir.

Wir einigten uns auf eine kurze Routine für den Auftrittstag: früh ankommen, die Bühne einmal ablaufen, den Stand prüfen, ausatmen. Mehr nicht. Alles Weitere sollte sie dem überlassen, was sie in den Wochen zuvor verinnerlicht hatte.

  • Bühne vor dem Auftritt einmal abgehen
  • Stand kurz prüfen, bevor das erste Wort fällt
  • Eine ruhige Ausatmung als letzter Schritt

Was ich aus diesem Fall mitnehme

Nadines Weg zeigt, wie wenig es oft braucht, wenn die Ausgangslage klar beobachtet wird. Wir haben keine neue Persönlichkeit gebaut, sondern ihr gezeigt, wie sie mit dem, was sie mitbringt, aufrecht und ohne Kraftaufwand steht. Die Veränderung war leise und zeigte sich vor allem darin, dass sie nach Vorträgen nicht mehr erschöpft war.

Ich erzähle die Geschichte mit ihrem Einverständnis und nur unter ihrem Vornamen. Sie steht für viele Menschen, die fachlich souverän sind und sich körperlich dagegen verspannen. Für sie alle gilt, dass Körperausrichtung ein Handwerk ist, das man in kleinen Schritten lernt, und dass der Stand die Grundlage ist, auf der Stimme und Auftreten ruhen.

Aufrecht zu stehen bedeutet nicht, sich festzuhalten, sondern Stand, Haltung und Atemraum so zu ordnen, dass der Körper trägt. Nadines Beispiel zeigt, dass dafür Beobachtung, Geduld und wenige, wiederholte Handgriffe genügen. Wenn Sie ähnliche Anspannung vor Publikum kennen, beginnt die Arbeit meist dort, wo Sie gerade stehen, mit einem ehrlichen Blick auf Ihren Stand.

Geschrieben von

Jonas Brandt

Dozent für Körperwahrnehmung

Jonas Brandt unterrichtet somatische Ausrichtung und Bewegung. Er arbeitet an Stand, Haltung und ruhiger Körpersprache.